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Geschichten vom 'Ziegelbaron' Georg Gund und seinen Gründerzeitvillen im Erzählcafé
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SPEYER | Uebersicht Speyer
Samstag, den 25. Juni 2011 um 08:25 Uhr

Viele Namen haben die Gründerzeitvillen in Speyer seit Ihrer Entstehung um 1889 erhalten. Neue Besitzer wurden mit ihren erworbenen Gebäuden identifiziert. So wurde das Haus St.Guido-Stifts-Platz Nr. 6 nach dessen Erbauer, Georg Gund jun., „Villa-Gund“ genannt. Vater Georg war 1855 von Mechtersheim nach Speyer gezogen , hatte 1863 und 1867 jeweils eine städtische Konzession zum Bau eines Ziegelofens erhalten. Gund führte seinen Betrieb erfolgreich, war als Stadtrat politisch aktiv und musisch im Gesangverein engagiert. Als er 1883 im Alter von 60 Jahren starb überließ er seinem 27-jährigen Sohn Georg ein stattliches Erbe.

So konnte dieser 1886 den Pflanzgarten Pl.Nr. 400 „gelegen im gelben Viertel am St.Guido-Stifts-Platz neben dem Hirschgrabenweg“ von Magdalene u. Jakob Bregenzer, Besitzer des „Weidenbergs“,  für 8000  Mark erwerben.

Architekt Heinrich Jester (1844-1908) erbaut die „Villa Gund“1887-1888
Nach Clemens Jöckle, „beeindruckt dieses Gebäude durch die besondere Qualität der Steinmetzarbeiten“. Es ist ein breit gelagertes zwei-geschoßiges Gebäude, wobei der Wechsel zwischen hellem Ziegelmauerwerk und Schmuckfriesen aus rotem Sandstein auffällt. Zwei Seitenflügel springen gegenüber der dreiachsigen Mitte hervor. Jöckle bezeichnet es „als ein ungemein repräsentatives Haus und gelungenes Beispiel für den Gründerzeitstil“. Gund bewohnte die Villa bis 1902 und zog dann nach Basel. Er verkaufte an Franz Theodor Klinghammer. 1914 wurde Zigarrenfabrikant Dr.Albert Leineweber Besitzer. Sein Nachfolger -1937-  Dr.Willibald Rackl,  unterhielt im Haus eine Praxis. Nach seinem Tod 1942 erwarb Sanitätsrat Dr. Reinhard Seithel die Villa, führte darin eine HNO-Praxis und lebte dort bis 1988. 2002 wurde kurzfristig ein Geschäftsmann Besitzer, der 2003 veräußerte. Die jetzigen Inhaber haben bei der Renovierung darauf geachtet, dass ursprüngliche Substanzen wieder zum Vorschein kamen. „Am Tag des Denkmals“ konnten schon viele Bürger die Innenräume bewundern.

Villa Ecarius 1889-1892 für Gunds Schwestern Friederike u. Christiane  erbaut
Wie den Aufzeichnungen von Archivarin Katrin Hopstock zu entnehmen, wurde diese Villa auch von Jester gebaut. Friederike Gund heiratete Franz Kirrmeier. Deren Tochter Helene war die Ehefrau von Fabrikant Ecarius. Deshalb die Namensgebung Villa Ecarius/Kirrmeier. Der Architekt baute Terrakottafriese  und Ziegelgussplatten aus der Gund’schen Fabrikation  ein. Fast alle Muster damaliger Steinmetzarbeiten fanden Verwendung. So entstand ein Musterhaus, um die eigene Produktionspalette bekannt zu machen.

Gründung der „Vereinigten Speyerer Ziegelwerke AG“
Bereits 1869 hatte Georg Gund mit Jakob Ganter fusioniert. 1884 kam Max Adler mit seiner Dampfziegelei dazu. 1889 gründeten sie die „Vereinigten Speyerer Ziegelwerke AG“, Aufsichtsratsvorsitzender war Friedrich Haid. Weitere Mitglieder waren Georg Gund, Franz Kirrmeier und Bankier Esswein aus Ludwigshafen.
In sechs Werken brannten elf Öfen und täglich wurden 130 000 Backsteine und Dachziegel hergestellt. Grundlage der weiteren guten Entwicklung bildeten die Lehm- u. Tongruben östlich der heutigen Auestraße, der Bauboom der Gründerzeit, gute Transportmöglichkeiten auf Rhein und Eisenbahn und billige Arbeitskräfte.
1899 betrug der Reingewinn 533 000 Mark.

Streik der Arbeiterinnen 1899
Aus der „Pfälzer Post“ (Gewerkschaftszeitung) vom 10.Mai 1899 zitierte Moderator K.H.Jung  die Zustände in den Vereinigten Ziegelwerken Speyer: „Keine Pausen-, Wasch- und Umkleideräume vorhanden. Brot muss im schmutzigen Werkraum gegessen werden. Essenkännel und Essen werden beim Erwärmen schmutzig. Kleider hängen an Nägeln an der Wand. Waschen ist nur im Rhein möglich. Stiegen ohne Verschalung stellen eine sittliche Gefahr für  jugendliche Beschäftigte dar“. Beschäftigt waren viele Mädchen zwischen 14-u.20 Jahren aus den umliegenden Dörfern.
Sie mussten 11 Std./Tg. für 1,48 Mark arbeiten. Ihre Aufgabe war, gebrannte Ziegel und Backsteine mit der Schiebekarre zu transportieren. Pro/Tg u. Person mussten 5.000 Stück befördert werden. Am 7.Mai 1899 erklärten die Mädchen im oberen Bau, „dass sie nicht weiterarbeiten würden“. Am Nachmittag hatten sich 200 Beschäftigte in der „ Rheinstation“ – Rheintal getroffen,  um gegen die Arbeitsbedingungen in der Ziegelei zu protestieren. Liefertermine zwangen die Unternehmer nachzugeben. Die Arbeiterinnen erhielten daraufhin täglich 1,60 Mark.
Weitere Streiks folgten 1901, 1908 und 1914 wegen Lohnsenkung. Zum Vergleich: Damals kostete 1 Pfund (500 Gramm) Schweinefleisch 0,78 Mark , 1 l Mich 0,70 Mark.

Erluswerke und Wienerberger Ziegelindustrie
Im Jahre 1966 wurden die Aktien der Vereinigten Speyerer Ziegelwerke von den Ergolsbacher Ziegelwerken aus Neufahrn übernommen. 1970 fusionierten die Speyerer und Ergolsbacher Werke zur Erlus AG. „Erlus macht alles, von der Dachziegel bis zum schlüsselfertigen Haus“, so berichtete die Presse 1972. Zuvor wurden vollautomatische Öfen  angefahren. Es wurden Poroton-Leichtziegel und Schamottkaminrohre hergestellt. 560 Mit-arbeiter erstellten pro Schicht 60 000 Tonnen.  1979 wurde immerhin noch ein Jahresüberschuss von 1,14 Mill. DM ausgewiesen. Trotzdem verpachteten  die Erluswerke die Firma 1996 an die Wienerberger Ziegelindustrie aus Hannover. Das Ende der traditionellen Ziegelproduktion in Speyer fiel am 23.10.1996. Als Gründe wurden fehlende Roh- und teure Brennstoffe angeführt. Die Produktionsanlagen wurden nach Frankreich und Kroatien verkauft. 50 Arbeiter verloren ihren Arbeitsplatz.

Wohnungen, Freiraum und Bürgerpark am Rhein

Wo einst Ziegel und Backsteine hergestellt wurden, soll ein neues Wohngebiet entstehen. Das Karlsruher Architektenbüro Kränzle&Fischer-Wasels hat mit ihren Plänen einen Architektenwettbewerb gewonnen. Charakteristisch am Entwurf ist, dass  sich die Bebauung auf den westlichen Geländeteil konzentriert. Dadurch kann direkt am Wasser ein attraktiver Park für die Öffentlichkeit entstehen.
Im Erzählcafé konnte Liesel Jester vom ehemaligen „Weidenberg“ von guten nachbarschaftlichen Beziehungen zu den Bewohnern der „Villa Gund“ berichten. Sissi Gminder, eine Verwandte der Familie Gund, war aus Heilbronn angereist und lauschte interessiert den Ausführungen. Ilse Schall, Karin Ruppert , Hermann Vögeli und Rudi Höhl ergänzten mit Beiträgen. (spa/Foto: Privat)

 

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